Du mir auch, 2021/22 | work in progress Ölpastellkreide auf Papier

In „Du mir auch“ zeigt uns Larissa Rosa Lackner Alltagsszenen aus dem Leben einer Frau. Wir sehen sie sitzend oder liegend, am Tisch oder am Fenster, spielend oder lesend, in Gesellschaft oder allein. Für sich genommen wirken die flächig und mit leuchtender Ölkreide gemalten Bilder oft leicht und schwerelos, manchmal sogar heiter. Betrachtet man sie in ihrem Zusammenhang, macht sich jedoch ein Gefühl von Beklemmung und Unbehagen breit. Man spürt: Etwas stimmt hier nicht, etwas ist nicht in Ordnung. Sämtliche der gezeigten Szenen spielen sich im Inneren eines Hauses ab, vor nackten Wänden und in toten Winkeln, nur hier und da markiert ein Fenster die Möglichkeit eines Außens. Gerade vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie wecken die Bilder Assoziationen von erzwungener Häuslichkeit, von Selbstisolation, von der Beschränkung sozialer Kontakte und der Verschränkung von Familie und Beruf. Die fehlenden Gesichtszüge der Figuren werden so zu Projektionsflächen für unsere eigenen Erfahrungen. Die dargestellten Szenen, die in ihrer Offenheit an fotografische Momentaufnahmen erinnern, scheinen eher Fragen zu stellen, als Antworten zu geben.

Denken wir an unser Zuhause, denken wir für gewöhnlich an einen Ort, der Schutz und Orientierung verspricht. Wenn uns die Welt bedroht, finden wir zuhause Sicherheit. Schon lange vor der Pandemie sind Weltflucht und eine exzessive Beschäftigung mit sich selbst zu Merkmalen unserer Zeit geworden. Mit ihrer Serie scheint Larissa Rosa Lackner diese Tendenzen auf ebenso lakonische wie nachdenkliche Weise zu irritieren. Denn was die dargestellte Frau in ihren vier Wänden findet, ist kein Schutzraum, sondern eher ein Raum der Ausweglosigkeit. Wer zuhause ist, ist vielleicht sicher vor der Welt, aber nicht sicher vor sich selbst.

Text: Clemens Espenlaub